welt.de 04.09.09: Freiheitskämpfer Kolakowski: „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“

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Am 17. Juli 2009 starb der große polnische Philosoph Leszek Kolakowski. Er war ein mutiger Kämpfer gegen den Kommunismus und für die Freiheit. Zeit seines Lebens dachte er über das Böse nach und setzte ihm den Glauben entgegen. Kurz vor seinem Tod sprach er mit WELT ONLINE.

WELT ONLINE: Könnten wir ethische Werte nicht auf Vernunft gründen? Muss persönliche Verantwortung im Glauben wurzeln?

Kolakowski: Offensichtlich können Einzelne hohe moralische Standards aufrecht erhalten und zugleich areligiös sein. Dass auch Zivilisationen das können, bezweifle ich. Welchen Grund gäbe es ohne religiöse Traditionen, die Menschenrechte und die Menschwürde zu achten? Was ist Menschwürde, wissenschaftlich gesehen? Aberglaube? Empirisch gesehen sind die Menschen ungleich. Wie können wir Gleichheit rechtfertigen? Die Menschenrechte sind eine unwissenschaftliche Idee.

WELT ONLINE: Könnte aus der neuen globalen kapitalistischen Ordnung eine neue Form des Totalitarismus entstehen? Ein Totalitarismus der unmittelbaren Befriedigung, in dem das Eigeninteresse die Vernunft bedingt ?

Kolakowski: Das Fehlen einer Dimension der Transzendenz schwächt die soziale Übereinkunft, der zufolge man die eigene Freiheit begrenzt, um mit den anderen in Frieden zu leben. Ein solcher Interessenuniversalismus ist ein weiterer Aspekt der modernen Illusion. Eine wissenschaftlich begründete menschliche Solidarität gibt es nicht. Gewiss kann ich mich davon überzeugen, dass es nicht in meinem Interesse liegt, zu rauben, zu vergewaltigen oder zu morden, weil das Risiko zu groß ist. Das ist das Hobbes’sche Modell: von der Furcht gezügelte Gier. Doch das soziale Chaos steht im Schatten einer solchen moralischen Anarchie. Wenn eine Gesellschaft aus Umsicht allein an moralischen Normen festhält, ist sie extrem schwach und ihr Stoff reißt bei der kleinsten Krise. In einer solchen Gesellschaft gibt es für persönliche Verantwortung, Barmherzigkeit und Mitleid keine Basis. Nun wird mit dem ökologischen Imperativ ein neues Ethos der Selbsterhaltung diskutiert. Bis zu einem gewissen Maß mag es stimmen, dass wir instinktiv auf Arterhaltung programmiert sind. Doch die Geschichte des letzten modernen Jahrhunderts hat unmissverständlich gezeigt, dass wir Mitglieder unserer eigenen Spezies ohne große Hemmungen vernichten können. Sollte es tief unten auf biologischer Ebene eine Solidarität der Spezies geben, so hat sie uns davor nicht bewahrt. Also brauchen wir Instrumente menschlicher Solidarität, die sich nicht auf unsere Instinkte, Eigeninteressen oder auf Gewalt gründen. Der kommunistische Versuch, Solidarität zu institutionalisieren, ist in der Katastrophe geendet.

…‘

Zu Ihrer Kenntnisnahme. Wir können die hier geäusserten interessanten Thesen selber nicht vollständig beurteilen. Trotzdem meinen wir man sollte sie kennen. Bilden Sie sich aber bitte selbst Ihre Meinung, Ihr Urteil !
Drum prüfe …”

(Markierungen in Fett- und/oder Kursivschrift – wie immer – durch die Redaktion)

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